Der „Konsum“ hat schon zwei Kriege überdauert

 In Jahr 2016 wurde der „Konsum“ Eicherscheid 120 Jahre alt. Seit 1896 existiert der Dorfladen bereits. Das ist ein stolzes Alter, wenn man überlegt, wie viele kleinere Geschäfte in Folge immer größerer Super-Markt-Konzentrationen in den Mittel- und Oberzentren in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen in den umliegenden Ortschaften geschlossen werden mussten. Der Erfolg des Eicherscheider Dorfladens liegt wohl auch in der langen Tradition dieses Geschäftes begründet. Heute ist der „Konsum“ aus dem intakten Vereins- und Dorfleben Eicherscheids einfach nicht mehr wegzudenken. Aus Anlass dieses Jubiläums hat Ludwig Siebertz vom Arbeitskreis Geschichte Eicherscheid und Vorstandsmitglied der Konsumgenossenschaft eine Chronik speziell zum Konsum erstellt.

 „Börjermeestesch“

1896 wurde aufgrund einer mangelhaften Versorgung im Ort ein genossenschaftsähnlicher Verband unter dem Namen „Vereinigte Handelsgesellschaft Eicherscheid“ gegründet. Die beiden Geschäftsräume befanden sich in einem Privathaus Am Weiher („Poste“ oder „Pöttertsches“). Aufgrund der guten Entwicklung wurde 1905 die Entscheidung für ein eigenes Gebäude getroffen. Federführend war hierbei der damalige Bürgermeister und Vorstand der Handelsgesellschaft Andreas Offermann („Börjermeestesch“). Dieses am jetzigen Standort erbaute Geschäftsgebäude wurde 1906 bezogen. Erst 1907 wurden die erforderlichen Grundstücksübertragungen geregelt. Weil die damalige Handelsgesellschaft nicht im Genossenschaftsregister eingetragen war, hatte Bürgermeister Offermann die Grundstücke kurzerhand privat notariell erworben; die Bezahlung erfolgte allerdings durch die Handelsgesellschaft. Erst 1925 erfolgte die Eintragung ins Genossenschaftsregister unter dem neuen Namen „Konsum-Genossenschaft mbH Eintracht“.

Während des Ersten Weltkrieges war das Angebot im Geschäft sehr begrenzt (lt. Tagebücher J. M. Förster). Das Geschäft lief immer schlechter. Hinzu kam die nach dem Krieg beginnende desaströse Inflation, so dass der „Konsum“ 1923 zunächst praktisch pleite war, aber dank eines neuen Kredits von 5000 Reichsmark in letzter Minute gerettet werden konnte.

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde das Geschäft immer schwieriger. 1941 wurde die Verfügung von Hitler erlassen, dass baldigst alle Genossenschaften aufgelöst und das Eigentum in das Gemeinschaftswerk der DAF (Deutsche Arbeiter-Front) überführt werden müssten. 1942 war es soweit: Die Genossenschaft wurde „eingegliedert“ in die DAF, Versorgungsring Würselen. Die Geschäftsanteile wurden ausbezahlt, das Restvermögen von 30 000 Reichsmark inklusive Gebäude enteignet. Das Geschäft wurde von diesem Versorgungsring bis zur Evakuierung im Oktober 1944 weiter betrieben.

Bereits zum 1. August 1946 wurde vom damaligen Bürgermeister Heinrich Küpper zur ersten Wiedergründungsversammlung im Beisein des Vertreters der englischen Besatzungsmacht, Oberst Reiss, eingeladen. In diesem Gründungsprotokoll wird deutlich, mit welchem Nachdruck die Eicherscheider für die Wiedereröffnung des Geschäftes sowie die Rückerstattung des enteigneten Gebäudes und des Barvermögens gekämpft haben. Die endgültige Entscheidung zur Wiedergründung fiel dann in einer erneuten Versammlung am 5. September 1948. Das Geschäft wurde zum 1. Dezember 1948 wieder eröffnet, allerdings wegen der starken Kriegsschäden des eigenen Gebäudes in zwei Räumen im Wohnhaus Heinrich Kaulard/Uhrmäschech, Eicherscheid 17. Zum 31. Dezember 1948 erfolgte die Rückführung des enteigneten Vermögens inklusive Gebäude an die Genossenschaft. 1950 erfolgte der Umzug in die eigenen renovierten Räumlichkeiten.

Entwicklung zum Vollsortimenter

Das Geschäft lief in der Folge sehr gut. Noch bis Ende der 1960er Jahre entwickelte sich der „Konsum“ nach und nach für die landwirtschaftlich ausgerichteten Bewohner zum Vollsortimenter. Neben einem umfangreichen Lebensmittelsortiment wurden auch Gebrauchs- und Haushaltsartikel, Textilien, Wäsche, Baustoffe, Farben, Heizmaterial, Nägel und Schrauben, landwirtschaftliche Produkte wie Melkfett, Stacheldraht etc. angeboten.

Das Geschäft entwickelte sich bis Ende der 1980er Jahre recht positiv, ehe sich dann in den Folgejahren mehr und mehr die Supermärkte und Discounter in den umliegenden Zentren mit günstigen Angeboten etablierten. Die Dorfläden hatten es zusehends schwerer, so auch der Eicherscheider Dorfladen. Viele Geschäfte in den benachbarten Orten mussten schließen, der Eicherscheider „Konsum“ konnte sich jedoch immer wieder dem drohenden Aus mit geeigneten Maßnahmen, wie Sortimentserweiterungen (zum Beispiel Backwaren), Umgestaltung der Verkaufsräumlichkeiten etc. widersetzen. 2007 wurde das Gebäude dann um einem Wintergarten erweitert. 2009 wurde Geld in eine Photovoltaik-Anlage investiert. 2008 wurden Filialen in Rollesbroich und 2009 in Rott unter der Prämisse eröffnet, über die Größe und das Geschäftsvolumen die wirtschaftlichen Verhältnisse zu stabilisieren. Der Wettbewerbsdruck hinterließ jedoch in den vergangenen Jahren auch in der Genossenschaft Eicherscheid seine Spuren. Die Geschäftsergebnisse waren insgesamt schlecht, das Geschäft in Rollesbroich wurde Ende 2014 geschlossen; auch die Zahlen für Eicherscheid und Rott waren alles andere als gut.

Hohe Standards

Zur Unterstützung der Verantwortlichen wurden in Eicherscheid und Rott im Jahr 2013 Arbeitskreise aus den jeweiligen Dörfern eingesetzt. Viele Maßnahmen wurden 2014/15 in beiden Läden realisiert, so wurde zum Beispiel in energiesparende Kühlungen und Beleuchtung investiert, das Erscheinungsbild des Eicherscheider Geschäftes deutlich verbessert, das Sortiment permanent erweitert und vieles andere mehr. Zwischenzeitlich hat sich die Lage deutlich zum Positiven verändert; in den beiden Dorfläden der Genossenschaft laufen die Geschäfte zufriedenstellend. Im Übrigen zählen die Eicherscheider Vereine bei ihren Vereinsfesten mit ihren Einkäufen seit Jahren gleichermaßen zu den guten treuen Kunden. Der hohe Qualitätsstandard wurde erst vor wenigen Wochen in beiden Geschäften wieder von einem neutralen Gutachter bestätigt.

Zudem haben 36 hiesige Gewerbetreibende, Dienstleister und Handwerker mit einer Werbung an den Außenfassaden der beiden Läden großen Anteil an der deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Konsumgenossenschaft.

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