Ein gewinnendes Dorf

Eicherscheid. Ein paar Flaschen Kräuterschnaps, den man hierzulande Els nennt, werden mitreisen zur Preisverleihung nach Südtirol. Dazu dunkles Brot aus der Eifel und ein paar regionale landwirtschaftliche Produkte. Denn das Dorf Eicherscheid bei Simmerath (am Rande des Nationalparks Eifel) hat den zweiten Platz gemacht im „11. Europäischen Dorferneuerungspreis“ – und wird am Freitag in Sand in Taufers dafür eine Urkunde bekommen. Rund 40 Mann werden zur Preisverleihung ins italienische Ahrntal fahren. Karl-Heinz Hermanns, der Bürgermeister von Simmerath, wird dabei sein. Hans Josef Hilsenbeck, erster stellvertretender Städteregionsrat. Und natürlich Günter Scheidt, der Ortsvorsteher von Eicherscheid, der dem Ganzen mit einer gewissen Gelassenheit entgegensieht. Dreimal hat Eicherscheid bereits Gold geholt im Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. 2007 gab es Gold im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Und nun also der erste (Vize-)Sieg auf Euro-Ebene, an dem sich 30 Ortschaften beteiligten. Besser schnitt nur noch das Siegerdorf Langenegg in Vorarlberg ab.

„Wir sind mittlerweile ein bisschen an das Gewinnen gewöhnt“, sagt Scheidt, der in Eicherscheid geboren wurde und nach dem Studium dorthin zurückkehrte. Er lächelt mit verhaltenem Stolz. Im Schankraum von „der Gerdi“ – im Hotel „Haus Gertrud“ – einer von zwei Kneipen vor Ort, sitzt man zusammen. Der kalte Wind eines frühen Herbstes fegt durch die blitzsauberen Straßen des hochgelegenen Ortes.

Bürgersteige gibt es nicht in dem 1200-Seelen-Dorf, das bei der Jury der „europäischen Arge Landentwicklung und Dorferneuerung“ mit seinen meterhohen Buchenhecken und den liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern punktete. Dafür viele ruhige Straßen, durch die nur selten Autos fahren, breite Rasenflächen vor und hinter den Häusern, knarzige Wegekreuze und alte Bäume, die zu Naturdenkmälern erklärt wurden. Die Arbeitslosenquote liegt unter vier Prozent; „nahkauf“, der einzige Supermarkt, wird von einer ortsansässigen Genossenschaft betrieben. 200 Dorfbewohner gehören ihr an, die Anzahl der Anteile, die jedes Mitglied besitzen darf, ist auf zehn beschränkt. Ohne das Engagement der Bürger von Eicherscheid hätte der kleine Laden längst schließen müssen. „Ohne Eigeninitiative ginge bei uns gar nichts“, bestätigt der Architekt Wilfried Huppertz, den der Bürgermeister als einen „engagierten Bürger“ vorstellt. Der neue Sportplatz – komplett selbst gebaut. „Wir haben uns Bagger und eine Walze gemietet“, sagt Huppertz. Die „Tenne“ – in der am vergangenen Wochenende im rot-weiß dekorierten Festsaal die traditionelle „Wiesngaudi“ mit 1000 Besuchern anstand – „in 22 000 Stunden Eigenleistung“ hochgezogen. An den Samstagen packten bis zu 30 Leute mit an, nach acht Wochen stand der Rohbau.

„Hier gelten noch die traditionellen Werte“, sagt Huppertz, der aus einem Nachbarort stammt, in den er nicht mehr zurückziehen möchte. „Man packt gemeinsam an, denn jeder will, dass unser Dorf schön aussieht.“ 1400 Mitgliedschaften verzeichnen die Vereine in dem 1200 Einwohner zählenden Ort. Und so wundert es nicht, dass die Jury vor allem die Zusammenarbeit der Bürgerschaft sowie „die ehrenamtlichen Aktivitäten und innovativen Ideen der Dorfgemeinschaft zur Sicherung, Schaffung und zum Betrieb wichtiger Versorgungseinrichtungen“ lobte.

Auch Eicherscheids einziges Museum, das „Bauernmuseum“, verdankt seine Existenz einer eher privaten Leidenschaft seiner Betreiber. Anneliese Arnulds „interessierte sich schon immer für alte Sachen“. Erst lagerten die rostigen Bügeleisen, die Nähmaschinen und das angeschlagene Emaillegeschirr auf dem Dachboden. Seit 2003 haben sie und Ehemann Josef die Sammlung alter Gebrauchsgegenstände in einer Scheune neben ihrem Haus untergebracht. Hier schenkt Anneliese Arnulds Besuchern auch schon mal einen selbstgebrannten Els aus. Auf Eicherscheid, wo sie seit 46 Jahren lebt.

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